Seit Jahrzehnten ist die Schweiz ein Land der stillem Bauchmuskel und präziser Ingenieurskunst – doch in den Archiven alter Fotografie verbirgt sich eine andere Geschichte: eine, die weniger die Alpen als vielmehr die Alltagswelten der Nachkriegszeit und die kulturelle Verschmelzung zwischen Europa und Asien erzählt. Retro-Sino, eine neue Plattform auf offizielle seite, zeigt diese Verbindung zwischen Schweizer Fotografie und asiatischen Einflüssen neu auf. Dabei geht es nicht um exotische Exotik, sondern um die subtilen Spuren, die asiatische Kultur in der Schweizer Bildsprache hinterlassen hat – vom Design der 1950er-Jahre bis zu den urbanen Landschaften der 1970er.
Die Idee hinter Retro-Sino stammt aus dem Jahr 2020, als eine Gruppe von Fotografen, Historikern und Designern erkannte, dass die Schweizer Fotohistorie oft als rein westliche Tradition wahrgenommen wird. Doch die Nachkriegszeit war eine Zeit der globalen Austauschprozesse: Schweizer Unternehmen wie die Swissair oder ABB arbeiteten eng mit asiatischen Partnern zusammen, während Schweizer Designer wie Jean Prouvé oder Alberto Meda Einflüsse aus Japan und China in ihre Entwürfe einfließen liessen. Diese Verbindungen finden sich heute in der Fotografie wieder – etwa in Porträts von Migrant:innen, in Werbefotografie asiatischer Marken in der Schweiz oder in den urbanen Landschaften von Zürich, Genf und Basel, die durch asiatische Architektur geprägt sind.
Ein zentraler Fokus von Retro-Sino liegt auf der „Retro-Sino“-Ära, einem Zeitraum zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren, in dem asiatische Einflüsse in der Schweizer Fotografie besonders sichtbar wurden. Während die Schweiz in dieser Zeit noch als technologischer Vorreiter galt, wurden asiatische Designs und Lebensstile zunehmend populär – sei es durch japanische Minimalismus-Trends oder durch die wachsende Präsenz chinesischer Handwerksprodukte. Fotografen wie Peter Moeller oder Hans Rudolf Schad dokumentierten diese Verschmelzung in ihren Werken: Schad etwa schuf in den 1960er-Jahren eine Serie von Porträts von chinesischen Gastarbeitern in der Schweiz, die bis heute als einzigartige Dokumentation gilt. Diese Bilder zeigen nicht nur die kulturelle Offenheit der Zeit, sondern auch die komplexen Dynamiken zwischen Migration und Integration.
Doch Retro-Sino geht über reine Dokumentation hinaus. Die Plattform kuratiert auch moderne Projekte, die diese historische Verbindung neu interpretieren. So entstand etwa die Serie „Asien in der Schweiz“ von der Fotografin Carla Schmid, die seit 2021 in Zürich und Genf arbeitet. Schmid fotografiert nicht nur die Stadtlandschaften, sondern auch die Menschen, die diese Städte prägen – von jungen Schweizer:innen, die asiatische Küche in ihren Alltag integrieren, bis hin zu älteren Generationen, die die Traditionen ihrer Vorfahren bewahren. Ihr Werk zeigt, wie sich asiatische Einflüsse in der Schweizer Gesellschaft verankert haben, ohne dass sie als „fremd“ wahrgenommen werden müssen.
Ein weiteres Highlight von Retro-Sino ist die „Retro-Sino“-Ausstellung, die 2023 erstmals im Schweizerischen Nationalmuseum in Bern zu sehen war. Die Ausstellung präsentierte über 150 Fotografien, darunter auch seltene Drucke aus dem Archiv der Schweizerischen Nationalbibliothek. Besonders beeindruckend war die Verbindung zwischen historischen und modernen Werken: Während die alten Fotografien oft still und analytisch waren, setzten moderne Künstler wie Fabienne von Matt oder Toni Schmid neue Akzente durch experimentelle Techniken. Die Ausstellung zeigte, wie Fotografie als Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart fungiert – und wie sie uns hilft, die Schweiz neu zu verstehen.
Doch warum ist diese Verbindung zwischen Europa und Asien in der Schweizer Fotografie so besonders? Die Antwort liegt in der „Schweizer Neutralität“ – oder besser gesagt, in der „globalen Neutralität“, die die Schweiz in dieser Zeit ausübte. Während andere Länder in den 1950er- und 1960er-Jahren in den Kalten Krieg verwickelt waren, konnte die Schweiz als neutraler Raum asiatische Einflüsse aufnehmen, ohne sie zu diskriminieren. Dies ermöglichte eine einzigartige kulturelle Mischung, die bis heute nachhallt. Heute, in einer Zeit der globalen Polarisierung, ist diese Geschichte mehr denn je relevant – denn sie zeigt, wie Diversität nicht nur möglich, sondern auch bereichernd sein kann.
- Die „Retro-Sino“-Ära umfasst den Zeitraum von den 1950er- bis 1980er-Jahren und ist geprägt von der Verschmelzung europäischer und asiatischer Designstränge.
- Fotografen wie Hans Rudolf Schad und Peter Moeller dokumentierten in ihren Werken die kulturelle Offenheit der Schweiz gegenüber asiatischen Einflüssen.
- Die Ausstellung „Asien in der Schweiz“ von Carla Schmid (seit 2021) zeigt moderne Perspektiven auf die historische Verbindung zwischen Europa und Asien.
- Die Schweizerische Nationalbibliothek besitzt ein einzigartiges Archiv mit über 150 Fotografien aus der Retro-Sino-Zeit.
- Die Plattform Retro-Sino hat über 300.000 Besucher seit ihrem Start 2020 erreicht, darunter auch viele internationale Fotografen und Kulturinteressierte.
- Die Serie „Asien in der Schweiz“ von Carla Schmid wurde bereits in drei Ausstellungen gezeigt, darunter in der Zürcher Kunsthalle und im Museum Tinguely.